Mein Bangkok 1993

Audio aus Bangkok Panorama


Thema: Mein erstes Mal Bangkok


Format: Audio mit Transkript, Dauer 4:48
Stand: April 2026


Worum es geht
In dieser Folge erzähle ich von meinem ersten Bangkok-Besuch 1993.


Audio-Transkript

Mein Thailand 1993

 

 Als ich im Januar 1993 zum ersten Mal in Thailand landete, ahnte ich nicht, dass mich dieses Land nie wieder loslassen würde.

 

Schon die Ankunft in Bangkok hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Der einzige Flughafen der Stadt war damals Don Mueang. Viele Maschinen standen noch draußen auf dem Rollfeld, und man wurde mit Bussen zum Terminal gebracht. Ich werde diesen Moment nie vergessen, als ich nach dem deutschen Winter aus dem Flugzeug kam und plötzlich gegen eine Wand aus tropischer Hitze lief. Das war überwältigend. Fast wie ein körperlicher Schlag. Aber zugleich war da sofort dieses Gefühl: Hier beginnt etwas Neues.

 

Ich war damals als Backpacker unterwegs und suchte mir ein einfaches Zimmer in der Khaosan Road. Sie war schon ein Treffpunkt für Reisende, aber noch längst nicht so geschniegelt und durchinszeniert wie heute. Weniger globalisiert, weniger geschniegelt, dafür unmittelbarer und echter.

 

Auf Empfehlung meines Hotelbesitzers ging ich kurz darauf in einen Massagesalon ein paar Straßen weiter, in dem ausschließlich blinde Masseure arbeiteten. Ich kam mit Rückenschmerzen vom langen Flug dorthin und verließ den Laden wie verwandelt. Diese erste Massage war für mich eine Offenbarung. Sie war präzise, ruhig und wohltuend. Noch heute denke ich daran zurück.

 

Auch kulinarisch begann damals etwas, das bis heute geblieben ist. Gleich um die Ecke entdeckte ich Bangkoks Garküchen. Damals wurde dort noch ganz selbstverständlich für die Menschen aus der Nachbarschaft gekocht, für Arbeiter, Angestellte und Fahrer. Nicht für Touristen. Nicht als Event. Einfach, weil die Leute essen mussten. Ich kannte die thailändische Küche bis dahin kaum. Aber schon nach den ersten Gerichten war mir klar: Das ist der Beginn einer großen Liebe.

 

Bangkok war 1993 eine völlig andere Stadt als heute.

 

Es gab keinen Skytrain. 

Es gab keine U-Bahn. 

Es gab nur vergleichsweise wenige Hochhäuser. 

Man war oft mit Tuk-Tuks unterwegs. 

Street Art spielte praktisch keine Rolle. 

Und an den Tempeln gab es noch keinen Kostümverleih für perfekte Erinnerungsfotos.

 

Man bewegte sich damals anders durch diese Stadt. Langsamer. Unsicherer. Aber vielleicht auch wacher.

 



Denn ohne Google Maps und ohne GPS war man auf Papierkarten angewiesen. Man kaufte Stadtpläne, Reiseführer oder fragte sich durch. Mein Lieblingsbegleiter wurden damals die handgezeichneten Karten von Nancy Chandler. Ich habe sie geliebt, weil sie mehr waren als bloße Orientierungshilfen. Sie zeigten nicht nur Straßen, sondern auch kleine Märkte, versteckte Garküchen und besondere Ecken. Sie hatten Seele.

 

Und Seele hatte Bangkok damals an vielen Stellen noch auf eine Weise, die heute oft schwerer zu finden ist.

 

Ich erinnere mich etwa an das Robot Building an der Sathorn Road. Damals war es ein architektonisches Statement, ein Symbol für ein modernes Thailand im Aufbruch. Heute ist vieles davon überformt. So wie überhaupt vieles verschwunden ist, was Bangkok einmal unverwechselbar machte.

 

Auch das alte Siam InterContinental Hotel gehört für mich zu diesen Verlusten. Ein wunderbares Haus aus den sechziger Jahren, mit einem Dach, das für mich etwas sehr Eigenes, sehr Thailändisches hatte. Dort, wo heute das Siam Paragon steht. Schon damals wurde der Abriss kritisiert. Aber wie so oft in Bangkok musste das Alte wirtschaftlichen Interessen weichen. Schade eigentlich.

 


Vielleicht ist es genau das, was mich heute wehmütig macht.

 

Bangkok war 1993 weniger bequem, weniger geordnet, weniger digital. Man musste mehr improvisieren, mehr entdecken, mehr aushalten. Aber genau dadurch fühlte sich vieles intensiver an. Ursprünglicher. Unmittelbarer.

 

Wenn ich heute durch Bangkok gehe, sehe ich natürlich auch die großartige Stadt von heute. Die Dynamik. Die Modernität. Die Möglichkeiten. Aber in mir läuft immer auch ein zweiter Film. Einer aus dem Jahr 1993.

 

Dann sehe ich wieder den Bus auf dem Rollfeld. 

Ich spüre diese erste Hitzewand auf der Haut. 

Ich rieche die Garküchen in den Nebenstraßen. 

Und ich erinnere mich an das Gefühl, in einer Stadt angekommen zu sein, die damals noch viel weniger erklärt war als heute.

 

Mein Bangkok von 1993 gibt es so nicht mehr. 

Und vielleicht berührt es mich gerade deshalb bis heute so sehr.