Riesenschaukel – Todesmutige Männer
Als mir vor Jahren erstmals das rote Gestell aus dicken Baumstämmen vor dem Wat-Suthat-Tempel auffiel, konnte ich mit den Begriffen „Riesenschaukel” oder „Giant Swing” nichts anfangen. Mittlerweile sehe ich das anders. Denn dahinter verbirgt sich eine spannende Geschichte.
Dauer: ca. [3:05]
Stand: April 2026
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Audio-Transkript
Als ich den Giant Swing zum ersten Mal sah, war ich ehrlich gesagt ein wenig enttäuscht.
Da standen einfach zwei lange rote Stangen mit einem Querbalken und ich dachte, na gut, und jetzt erst später verstand ich, welche Geschichte hinter diesem Ort steckt. Und seitdem sehe ich diese Schaukeln mit ganz anderen Augen.
Von 1784 an wurde hier jedes Jahr, Anfang Dezember, ein Spektakel veranstaltet, das man sich heute kaum noch vorstellen kann . Eine Zeremonie zu Ehren des hinduistischen Gottes Shiva.
Als Kind liebte ich auf der Kirmes die Schiffsschaukel. Zusammen mit meinem Bruder brachte ich sie immer höher 1, 2 m vielleicht und schon das fühlte sich aufregend an.
Beim Giant Swing ging es um etwas völlig anderes.
Die Schaukel war 24 m hoch.
Nur an Seilen befestigt hing daran ein langes, schmales Schaukelbrett.
Auf diesem Brett standen vier junge Männer.
Einer vorne, einer hinten, zwei dazwischen.
Gemeinsam versuchten sie die Schaukel immer stärker in Schwung zu bringen. Das Ziel war waghalsig.
In etwa 15 Metern Höhe hing ein kleines Säckchen mit Silbermünzen.
Dieses Säckchen mussten sie mit den Zähnen schnappen.
Für die erste Gruppe ging es um zwölf Silbermünzen für die zweite um zehn für die dritte um acht.
Das klingt heute vielleicht überschaubar, aber damals war das für normale Menschen ein kleines Vermögen.
Um das Säckchen zu erreichen, musste das wackelige Brett fast senkrecht in der Luft stehen.
Stellen Sie sich das einen Moment vor.
Vier Männer, ein schmales Brett, Seile, 15 Meter Höhe und darunter eine riesige Menschenmenge, die jeden Schwung verfolgte. Wenn die Schaukel zu hoch stieg, konnte sie ruckartig an Halt verlieren. Dann stürzten die Männer in die Tiefe.
Und genau das geschah immer wieder. Es gab schwere Unfälle und auch Todesopfer.
Erst 1935 entschied man, dass dieses Risiko nicht mehr zu verantworten war. Die Zeremonie wurde verboten.
Die Schaukel selbst aber blieb stehen als Symbol einer alten königlichen Tradition. Ursprünglich bestand sie aus mächtigen Teakholzstämmen, doch Regenstürme und sogar Blitzeinschläge setzten ihr immer wieder zu.
Deshalb musste sie mehrfach erneuert werden. 2007 beschloss man, die Riesenschaukel vollständig neu aufzubauen.
Dafür suchte man im ganzen Land nach besonders geraden, starken Teakholzstämmen.
Gefunden wurden sie schließlich in der nördlichen Provinz Phrae. 2009 wurde die neue Schaukel von König Bhoumiphol Adulyadej feierlich eingeweiht.
Heute gilt der „Giant Swing“ als nationales Kulturdenkmal.
Und wenn ich jetzt davorstehe, sehe ich nicht mehr nur zwei rote Stangen.
